Trends in der Architektur 2021

The Iconic Awards: Innovative Architecture setzen Trends

Holzarchitektur für eine CO2-neutrale Zukunft

Workstation Cabin, Hello Wood

Die Europäische Union soll bis 2050 klimaneutral werden. Dafür ist eine Dekarbonisierung auf allen wirtschaftlichen Ebenen erforderlich. Vor allem der Bausektor mit einem weltweiten Anteil von circa 40 Prozent an CO2-Emissionen bildet dabei einen kritischen Bereich – insbesondere Stahl und Beton benötigen immense Mengen an Energie bei der Herstellung. Um sich von diesen Baumaterialien und der damit verbundenen Umweltbelastung zu lösen, bedarf es eines Paradigmenwechsels. Dabei spielen natürliche, regenerative Baustoffe eine entscheidende Rolle.

Eine wahre Renaissance erlebt vor allem der ökologische Allrounder Holz. Holzarchitektur senkt die Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre gleich in mehrerlei Hinsicht: Nachhaltig bewirtschaftete Wälder und Forste spielen eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung des Treibhauseffekts, indem sie der Atmosphäre CO2entziehen. Das für die Architektur eingesetzte Holz wiederum steigert den Klimaschutzeffekt, denn der Rohstoff bindet das für die Erderwärmung verantwortliche Treibhausgas auf natürliche Weise und wirkt damit als Kohlenstoffspeicher. Als nachwachsende und gleichzeitig auch leicht recycelbare Ressource ist es eine überzeugende Alternative zu den derzeit verwendeten mineralischen Baustoffen. Der gegenwärtige Trend zum seit Jahrtausenden im Gebrauch befindlichen Baumaterial Holz hat mit traditionellen Bautechniken allerdings nur bedingt zu tun. Dank computergestützter Entwurfsprogramme und dem Einsatz hochtechnisierter Bau- und Verarbeitungsmaschinen entstehen heute präzise berechnete Konstruktionen. Diese Ingenieursleistungen minimieren den Materialeinsatz, eröffnen aber auch in ästhetischer Hinsicht ganz neue Wege. Architektinnen und Architekten gehen hier mit viel Mut voran, und gestalten eine CO2-neutrale Zukunft aktiv mit.

Dieser Trend spiegelt sich bei den Gewinner-Projekten des ICONIC AWARDS: INNOVATIVE ARCHITECTURE 2021 wider. Das Büro KOZ Architectes hat mit Sensations in Straßburg das größte Wohnhaus aus Holz in Europa realisiert. Dieses elf Stockwerke hohe Gebäude mit 146 Wohnungen konnte dank technischer Spitzenleistungen selbst in dem seismisch aktiven Gebiet realisiert werden. Als Material kam Brettsperrholz beziehungsweise CLT (cross-laminated timber) zum Einsatz. Dieses Material wird auch für den derzeit in Rotterdam im Bau befindlichen Wohnturm Sawa von Mei architects and planners verwendet. Der am Hafen stehende Bau mit 50 Metern Höhe ist nach oben hin kontinuierlich abgestuft, bietet auf den Plateaus in jeder Etage viel Platz für Grünflächen und fördert so zusätzlich die Biodiversität. Was im Großen funktioniert, ergibt auch im ganz Kleinen Sinn: Die hölzerne Workstation von Hello Wood Studios ist ein modularer Mini-Raum, der schnell errichtet und flexibel genutzt werden kann. Auch abseits der großen Metropolen setzen sich neue Holztechnologien rasant durch: Ob das Stadttor Troisdorf von Atelier Brückner, das Passivhaus im fränkischen Seenland von Nouri-Schellinger, das Wohnhaus und Studio in Mellau von Jürgen Haller Architekten oder der Mehrgenerationen-Wohnbau in Gümligen von Marazzi + Paul Architekten – Holz ist in jedem Fall das Mittel der Wahl für den Sprung in ein grüne, CO2-neutrale Zukunft.

 

Beispielhafte Projekte:

Sensation in Straßburg (Frankreich) von KOZ Architectes

Sawa in Rotterdam (Niederlande) von Mei architects and planners

Stadttor Troisdorf (Deutschland) von Atelier Brückner

Wohnbau in Gümligen (Schweiz) von Marazzi + Paul Architekten

Workstation von Hello Wood Studios

Passiv-Zweifamilienhaus im fränkischen Seenland (Deutschland) von Nouri-Schellinger

Tempel 74 in Mellau (Österreich) von Jürgen Haller Architekten

Turmhaus Tirol (Österreich) von Grünecker Reichelt Architekten und holzrausch.

Imagebook Roots (Deutschland) von Agentur Stern

Umbau, adaptive Wiederverwendung und Urban Mining für die ökologische Wende

Rusted Mill House, DETALE Architecture and Engineering

Die Frage um die Begriffsbestimmung von „Nachhaltigkeit“ ist zugleich eine Diskussion um gesellschaftliche Werte. Einer dieser Werte ist die Neuheit eines Produkts oder Objekts. Sie wird bis heute per se als eine Auszeichnung verstanden. Diese Vorstellung ist in der Baubranche besonders problematisch. Sie führt zum umfassenden Abriss von Bestandsbauten, die neuen, vorgeblich besseren Gebäuden Platz machen müssen. Derzeit stehen eine ganze Reihe moderner Großstrukturen der Nachkriegszeit, die einst die Aufbruchsstimmung einer Generation versinnbildlichten, zur Disposition. Gerade aus ökologischer Sicht ist das Prinzip „Abriss und Neubau“ heute in vielen Fällen nicht mehr zielführend. Denn es geht einher mit einer immensen Verschwendung von Energie und Baumaterialien wie Beton und Stahl, welche nur in begrenztem Umfang recyclingfähig sind.

Inzwischen findet jedoch ein Umdenken statt. Gebäude werden durch architektonische Interventionen für die Ansprüche der Gegenwart saniert, renoviert und erweitert. Es entsteht eine neue „Sorge um den Bestand“: Urban Mining, also die Nutzung der vorhandenen Bausubstanz in der Stadt als Rohstoff für Neubauten, steht inzwischen hoch im Kurs. Nicht zuletzt hat die Europäische Kommission im Herbst 2020 die „Renovierungswelle“ als Teil des Green Deal vorgestellt. Sie sieht den massiven Ausbau der energetischen Instandsetzung von öffentlichen wie privaten Gebäuden vor.

Die Weiterverwendung bestehender Strukturen ist keine Nische mehr, sondern ein global zu beobachtendes Phänomen. Das zeigen auch die Auszeichnungen bei den ICONIC AWARDS: INNOVATIVE ARCHITECTURE 2021. Das chinesische Moguang Studio hat in Beizhuang eine ehemalige Textilfabrik in einen Ort für Jugendliche transformiert. Indoor-Spielplätze, Lernräume, Familien-Unterkünfte und ein Restaurant sind mit zeitgenössischen Einbauten in die historische Substanz integriert. Detale Architecture and Engineering haben im griechischen Ort Kardamyli ein Bauernhaus aus der Mitte des 19. Jahrhunderts restauriert, die Erweiterung in COR-TEN-Stahl setzt sich bewusst vom Bestand ab. Adamas Architect Ateliers ging beim Projekt Ogumo Casa Kyoto Machiya Guesthouse in Kyoto besonders behutsam vor. Alle Bauteile des historischen Holzhauses konnten repariert und so ein Ort kultureller und spiritueller Traditionen bewahrt werden. Im türkischen Urla, Izmir bauten ONZ Architects für ein Energieunternehmen eine verlassene Seifenfabrik in ein Forschungslabor um. Und GMS Architekten revitalisierten die Hauptstelle der Sparkasse im baden-württembergischen Singen durch eine Neugestaltung der Fassaden nicht nur für die dort arbeitenden Menschen, sondern zugleich für den urbanen Kontext – die neue Erscheinung nimmt nun stimmig Bezug auf die heterogene Architektur der Umgebung.

 

 

Beispielhafte Projekte

Jugendzentrum in Beizhuang (China) von Moguang Studio

Ogumo Casa Kyoto Machiya Guesthouse in Kyoto (Japan) von Adamas Architect Ateliers

Rusted Mill House in Kardamyli (Griechenland) von Detale Architecture and Engineering

Forschungslabor in Urla, Izmir (Türkei) von ONZ Architects

Sparkassenhauptstelle von GMS Architekten